Truppenführung · C1-160/0-1003 / -1004

Der Führungsprozess

Ein zielgerichteter, systematischer Ablauf, ausgelöst durch einen Auftrag oder eine Lageentwicklung. Ziel: rechtzeitig einen zweckmäßigen Entschluss fassen, daraus Planung und Befehlsgebung ableiten und so gegenüber dem Gegner Tempo und Initiative gewinnen.

Der Kreislauf

Vier Phasen, die sich ständig wiederholen

Klicke auf eine Phase, um sie im Detail zu sehen. Nach der Planung beginnt der Kreislauf mit der nächsten Kontrolle/Lagefeststellung erneut.

Ziel des Führungsprozesses Rechtzeitig einen zweckmäßigen und erfolgversprechenden Entschluss fassen · darauf aufbauend Planung und Befehlsgebung sicherstellen · allen Beteiligten ausreichend Zeit verschaffen, ihre Aufträge umzusetzen · dadurch gegenüber dem Gegner höheres Tempo erzielen, die Initiative behalten oder zurückgewinnen und ihm Handlungsbedarf aufzwingen.
Exkurs

Befehl und Auftrag

Der Befehl

Die Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die ein militärischer Vorgesetzter einem Untergebenen schriftlich, mündlich oder in anderer Weise, allgemein oder für den Einzelfall und mit dem Anspruch auf Gehorsam erteilt.

Der Auftrag

„Der Zweck eines Befehls soll betont werden, die Wege zu seiner Ausführung jedoch dem Befehlsempfänger überlassen bleiben.“ — Generalfeldmarschall von Moltke. Das ist das Prinzip Führen mit Auftrag.

Grundsätze

Befehlsbefugnis und Verantwortung gehören zusammen — die militärische Führung trägt die Verantwortung und setzt Befehle durch, das schließt Kontrolle mit ein. Führungsverantwortung ist unteilbar. Vorgesetzte sind immer Führer, Erzieher und Ausbilder ihrer Soldatinnen und Soldaten.

Befehle brauchen Zeit

Planung und Befehlsgebung brauchen eine Vorlaufzeit (Koordinierung, Umsetzen von Maßnahmen). Vorbefehle, Einzelbefehle und zeitgerechte Lageinformationen erhöhen die Reaktionszeit der Truppe — je früher Informationen fließen, desto mehr Zeit bleibt unten.

Befehlsarten Kommando · Auftrag · Weisung · Operationsbefehl · Gefechtsbefehl · Dienstliche Weisung · Besondere Anweisung · Fahrauftrag
Entscheidungsfindung · Schritt 1

Auswertung des Auftrages

Zweck: zielgerichtetes Eingrenzen der Beurteilung der Lage (BdL) — bevor man die ganze Lage beurteilt, klärt man erst, worauf es dem Vorgesetzten wirklich ankommt.

SchrittLeitfrageMerke
I. Absicht der übergeordneten FührungWas ist das Ziel/der Wille der übergeordneten Führung? Worauf kommt es ihr an?OpBef Ziffer 3.a (3.b) i.V.m. 1., 2.
II. Wesentliche LeistungWas muss die eigene Truppe zum Erreichen dieser Absicht leisten — nicht alle Aufgaben, sondern die eine Kernforderung?„Wenn ich nicht …, dann … nicht!“ / „Was muss ich leisten, um …?“
III. AuflagenWelche Bindungen schränken die eigene Handlungsfreiheit ein (Kräfte, Raum, Zeit, Information, Kampfführungsrecht)?Normale Einschränkungen (Grenzen, Führungslinien) zählen hier nicht.
IV. Grundlegende LageänderungHätte der Vorgesetzte so befohlen, wenn er die jetzige Lage gekannt hätte? Gelten Rahmenbedingungen, Gefechtsstreifen und die Wesentliche Leistung noch?Nur bei negativer Antwort auf eine dieser Fragen liegt eine grundlegende Lageänderung vor.
V. Handlungsbedarf(nur in laufender Operation) Welche taktische Herausforderung ist Anlass für die Entscheidungsfindung? Ansprechen: „Was passiert gerade?“ Beurteilen: „Was bedeutet das für mich?“Ausgelöst über Kontrolle/Lagefeststellung.
VI. Folgerungen / PrüffragenWas ist bis wann zu entscheiden? Welche Informationen sind zu gewinnen? Was ist vorrangig zu untersuchen/entscheiden?Leitet direkt in die Beurteilung der Lage über.
Abweichen vom Auftrag Nur zulässig, wenn der militärische Führer (1) eine grundlegende Lageänderung festgestellt hat und (2) rasch handeln muss und (3) die Entscheidung des Vorgesetzten nicht eingeholt werden kann. Wer abweicht, trägt die Verantwortung dafür — die Absicht der übergeordneten Führung bleibt bestimmend, und sobald der Vorgesetzte erreichbar ist, wird ihm das Abweichen gemeldet.
Auftragsform (WWWWWW) Wer tut Was, Wie, Wann, Wo, Wozu? — dasselbe Schema, mit dem später der eigene Auftrag an Untergebene formuliert wird.
Entscheidungsfindung · Schritt 2

Beurteilung der Einflussfaktoren

Reihenfolge und Inhalt richten sich nach dem größten Einfluss auf die Operationsführung. Grundregel: die Beurteilung der Lage des Gegners/anderer Akteure erfolgt grundsätzlich vor der Beurteilung der Lage der eigenen Kräfte. Jeder Abschnitt endet mit Folgerungen für das eigene Handeln.

Entscheidungsfindung · Schritt 3

Feststellen der Möglichkeiten eigenen Handelns

Aus den Folgerungen aller vier Einflussfaktoren wird — als logische Konsequenz — mindestens eine Handlungsmöglichkeit (M1, M2, …) entwickelt.

Besteht aus zwei Teilen

Prinzipskizze (grafisch, aus Lage gegnerischer Kräfte + Geo-/zivile Lage + Lage eigener Kräfte) und Entschlussform (in Worten, nach dem Schema Wer/tut Was/Wie/Wann/Wo/Wozu).

= Idee des Gefechts

Zusammen ergeben Prinzipskizze und Entschlussform die Grundidee, wie der Auftrag erfüllt werden soll — die Basis für den späteren Vergleich mehrerer Möglichkeiten.

Entscheidungsfindung · Schritt 4

Kräfte- und Fähigkeitsvergleich

Jede Möglichkeit eigenen Handelns wird in drei Stufen geprüft.

I. Gesamtvergleich

Wer gegen wen — Rot vs. Blau im Überblick. Verdeutlicht Folgerungen für den Verlauf der Operation und die Erfolgsaussichten insgesamt.

II. Kräfte-/Fähigkeitsvergleich

Örtlich begrenzte Vergleiche, bezogen auf den Zeitpunkt und Ort, an dem sich der Entschluss auswirkt/auswirken muss.

III. Einsatzwertvergleich

Qualitative Gegenüberstellung: Hoch – Mittel – Niedrig. Eine Überzahl muss keine Überlegenheit bedeuten, eine Unterzahl keine Unterlegenheit — Kampfkraftvergleich allein reicht nicht.

Faktoren des Einsatzwertvergleichs Kräfteverhältnis · Geofaktoren (Sicht-, Perspektive, Wetter) · Verfügbarkeit inkl. Kampf-/Führungsunterstützung · Aktivität und Kampfweise · Verstärkungsmöglichkeiten · Unterstützung durch Nachbarn · Grad der Einsatzbereitschaft · Stand und Möglichkeiten der Einsatzunterstützung.
Entscheidungsfindung · Schritt 5

Bewerten und Abwägen der Möglichkeiten

Gemeinsame Elemente mehrerer Möglichkeiten herausstellen, dann jede Möglichkeit anhand fester Kriterien mit Vor- und Nachteilen bewerten und gegeneinander abwägen.

Prüfkriterien (Auswahl) Wahrscheinlichkeit der Auftragserfüllung · Aufwand an Kräften und Mitteln · zu erwartende Verluste · mögliche Chancen und Risiken · unerwünschte/erwünschte Wirkungen (auch im Informationsumfeld) · Überraschung · Verfügbarkeit/Bildung von Reserven · Handlungsfreiheit · Initiative, Schnelligkeit, Beweglichkeit · Glaubwürdigkeit/Transparenz/Unparteilichkeit · Koordinierungsaufwand, Einfachheit.
Trichterprinzip Möglichkeiten, die im Kräfte-/Fähigkeitsvergleich klar unterlegen und nicht erfolgversprechend sind, werden konsequent ausgeschlossen — bis die „beste“ Möglichkeit übrig bleibt. Daraus wird gemeinsam mit dem Führer der Entschluss gefasst.
Befehlsgebung

Der Operationsbefehl

Die Gliederung, mit der der Entschluss in einen Befehl für die unterstellten Kräfte umgesetzt wird.

LADEF
LADEF — Lage · Auftrag · Durchführung · Einsatzunterstützung · Führungsunterstützung
ZifferInhalt
1. Lagea) Lage gegnerischer Kräfte/anderer Akteure — Art, Stärke, Verhalten, ggf. vermutete Absicht · b) Eigene Lage — insbesondere Absicht des übergeordneten Führers · c) Unterstellung und Abgaben · d) Bewertung des Truppenführers (entfällt meist) · e) Zivile Lage · f) Lage im Informationsumfeld
2. AuftragDer eigene Auftrag im Wortlaut, nach dem Schema Wer/Was/Wie/Wann/Wo/Wozu.
3. Durchführunga) Eigene Absicht (Entschluss) · b) Aufträge an die unterstellten Teileinheiten · c) Spezielle Aufträge (z.B. Aufklärung, ABC-Abwehr, EloKa) · d) Maßnahmen zur Koordinierung
4. Einsatzunterstützunga) Logistische Unterstützung · b) Sanitätsdienstliche Unterstützung · c) Personelle Unterstützung · d) Verwaltungsaufgaben · e) MP/Feldjäger · f) ABC-Abwehr · g) Schutzaufgaben · h) GeoInfo-Unterstützung · i) ZMZBw/CIMIC
5. Führungsunterstützunga) Einsatz von Führungsmitteln (Funk/Fernmelde) · b) Elektronische Schutzmaßnahmen · c) Verbindungsorgane · d) Leucht- und Erkennungszeichen · e) Parolen/Kennwörter · f) Bezugspunkte · g) Gefechtsstände · h) Regelungen zum Meldewesen · i) Sonstiges (u.a. Uhrzeitvergleich, Platz des Führers)
Befehlsgebung

Umsetzung eines Befehls: Zug → Gruppe

Beim Herunterbrechen eines Befehls auf die nächste Ebene wandern manche Teile unverändert durch, andere werden neu gebildet.

Beim ZugWird bei der Gruppe zu
Lage gegnerischer Kräfte→ unverändert →Lage gegnerischer Kräfte
Eigene Lage→ unverändert →Eigene Lage
Auftrag (Zug) + Absicht (ZgFhr) + Einzelaufträge→ werden neu formuliert →Auftrag (Gruppe)
Einsatzunterstützung→ unverändert →Einsatzunterstützung
Führungsunterstützung→ unverändert →Führungsunterstützung
Kurz gesagt Nur der mittlere Block (Auftrag/Absicht/Einzelaufträge) wird für die eigene Ebene neu gedacht — Lage-Angaben und Unterstützungsleistungen werden im Wesentlichen weitergereicht. Genau dieses Herunterbrechen ist das Thema der nächsten Seite: Befehl in LAD umwandeln →
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